Eine Band tourt durch ein dystopisches Europa – Eine Rezension über den Debutroman von Christoph Ziegltrum – erschienen im Selfpublishing (BOD). Gefolgt von einem kurzen und spannendem Interview mit dem talentierten und symphatischen Autor.
Mammal – ein dystopischer Rock ’n’ Roll-Roadtrip ist kürzlich via BOD (Book on Demand) erschienen. BOD bedeutet, dass jemand sein Buch selbst schreibt und veröffentlicht – und oft sind das leider Geschichten ohne Lektorat, voller Fehler, mit schwacher Story und/oder mangelhafter Erzählstruktur. Als mich der Autor Christoph Ziegltrum anschrieb und fragte, ob ich eine Rezension verfassen möchte, war meine Begeisterung zunächst verhalten – wenngleich ich mich geschmeichelt fühlte, überhaupt angefragt zu werden. Doch manchmal… ja, manchmal entdeckt man auch eine Perle in der BOD- bzw. Self-Publishing-Welt.
Schon nach wenigen Seiten wurde klar: Der Autor ist entweder ein Naturtalent oder hat ein professionelles Lektorat an seiner Seite. Das Buch ist handwerklich stark – korrekt, rund, stimmig und professionell, ohne offensichtliche Logiklöcher oder grobe Schnitzer. Gleichzeitig besitzt es einen eigenen Stil, Charakter und Seele. Wo nötig, ist es auch mal unbequem geschrieben.
Der Autor ordnet das Werk dem Cyberpunk-Genre zu – darüber ließe sich diskutieren, ganz falsch ist es aber nicht. Erzählt wird die Geschichte der legendären und fiktiven(!) Band Mammal, einer der letzten verbliebenen Metal-Bands, die einige Jahre in der Zukunft durch ein dystopisches Europa auf ihre letzte Tournee geht. Begleitet werden sie von einem jungen Mann, der die Reise in einer Tourdokumentation festhält. Auf der Handlungsebene passiert nicht übermäßig viel – wie bei Roadtrips üblich geht es vor allem um Stimmung und Vibes. Und die haben eindeutig Cyberpunk-Flair: Die graue Realität hinter dem Glamour.
Hier spielt Mammal seine Stärke aus. Das Tourleben wird differenziert und realistisch dargestellt – weder glorifiziert noch dramatisiert, sondern ehrlich und offen. Man lernt die Bandmitglieder kennen, allen voran den charismatischen Sänger und den jungen Begleiter. Dabei spürt man, wie eine Band zur Stimme der Menschen werden und als Sprachrohr ihrer Gefühle agieren kann. Erinnerungen an die Rockerboys aus Cyberpunk RED werden wach.
Es ist offensichtlich, dass der Autor tief in der Musikszene verwurzelt ist und sich auskennt – ohne dabei mit unverständlichen Fachbegriffen um sich zu werfen. Die Sprache ist schlicht, aber nie banal, gut verständlich aber nie zu simpel. Wer einen Actionthriller erwartet, wird enttäuscht sein, auch wenn gegen Ende durchaus rasante Szenen aufkommen. Wer jedoch einen atmosphärischen Roman sucht, der durch Stimmung und Authentizität besticht und sich wohltuend vom Einheitsbrei der aktuellen Literaturszene abhebt, wird hier fündig.
Mehr zu verraten, wäre Spoiler. Lest selbst, wenn euch das Thema interessiert. (Das ist übrigens ein cleverer Schachzug von mir, um zu übertünchen, dass ich sehr Mühe hatte eine spoilerfreie Rezension zu schreiben, die dem Werk gerecht wird.) Oder ihr lest das Interview, das euch sehr viel Einsicht in die Denke des Autors gibt und euch vielleicht mehr erklärt als meine Rezension es konnte.
Wertung: 8/10 alternde Rockerboys.
Vielen Dank Christoph, für das Rezensionsexemplar.
Ist es Zufall, dass es eine australische Band namens Mammal gibt, oder ist die Anspielung gewollt?
Das ist in der Tat ein Zufall. Grüße gehen raus an Mammal aus Australien. Als ich mit der Arbeit an dem Buch begann, gab es sie schon 10 Jahre nicht mehr, sie haben dann irgendwann wieder angefangen. Viel mehr ist der Name der fiktiven Band eine Anspielung auf die mittlerweile aufgelöste Band Altar Of Plagues aus Irland, die ein Album mit diesem Titel hatten. Ich liebe vor allem ihr letztes Album „Teethed Glory And Injury“, das den Post-Black-Metal in eine innovative Richtung schubste.
BOD/Self Publishing heisst ja, dass der Autor auf allen Kosten sitzen bleibt. Trotzdem hat man das Gefühl, du hast ein professionelles Lektorat beigezogen, was erfahrungsgemäss nicht günstig ist. Würdest du das anderen Self Publishern empfehlen?
Es wäre natürlich schön, wenn ich die Kosten wieder reinbekäme. Ich habe mir auch ausgerechnet, wie viele Bücher ich verkaufen muss. Challenge accepted. Aber primär geht es mir nicht um das Geld, da ich auch einen Brotjob habe. Das Lektorat hat viel Geld gekostet, aber es war jeden Cent wert. Karla Schmidt ist eine sehr erfahrene Lektorin, die sich in dem Genre auskennt und nebenbei ein großes Herz für Musik hat. Entsprechend hatte sie auch Freude an dem Projekt. Ich denke, dass ein professionelles Lektorat absolut sinnvoll ist. Der Blick von außen bringt ein Schreibprojekt deutlich weiter. Was ich völlig unterschätzt habe, ist ein Korrektorat und jemand, der sich mit Buchsatz auskennt – da war ich sehr glücklich über die professionelle Anleitung von Tamara Foerster, mit der die Zusammenarbeit auch wirklich toll war. Kein Mensch ist eine Insel, Autor*innen erst recht nicht.
Die USA am Boden, die EU zerfallen, der Ostblock wieder da… inwiefern betrachtest du das als realistische Möglichkeit unserer Zukunft?
Die erste Idee zu dem Buch ist fast zehn Jahre alt. Damals, 2016, ging es los mit dem Brexit, rechtsextreme Strömungen erstarkten, Trump wurde zum ersten Mal US-Präsident, und ich machte eine Rundreise durchs Baltikum. In Estland war damals schon längst die Bevölkerung nervös, weil Russland in Sichtweite zur Grenze Truppenübungen durchführte. Neun Jahre später haben sich die Dinge verschärft, und das macht mir große Sorgen – auch als Vater von zwei kleinen Kindern. Ich musste also schon Einiges anpassen, das noch in der 2017er Rohfassung geschrieben wurde, aber einige Entwicklungen haben sich bewahrheitet, oder scheinen zumindest recht greifbar zu sein. Ich bin da nicht so glücklich darüber, wenn ich recht habe. Und damit habe ich noch gar nicht das Klimathema aufgemacht (das kommt dann bei WRONGDOERS, meinem zweiten Roman).
Man hat den Eindruck, dass du in dem Buch weisst wovon du sprichts. Warst du mal auf Tour mit einer Band? In irgendeiner Form?
Ich habe in kleineren Bands gespielt, bin seit 10 Jahren aber nicht mehr aktiv. Richtig getourt bin ich nie, das waren eher verlängerte Wochenenden in Jugendzentren in Deutschland und Österreich. Als Webzine-Autor bei Vampster habe ich aber viele Interviews geführt und so direkt Quellen angezapft, oder im späteren Verlauf dann auch nochmal Bands wie die innig geliebten Blueneck hartnäckig zu ihren Tour-Erfahrungen befragt.
Wird es ein weiteres Buch von dir geben? Wann?
Ich arbeite derzeit an der zweiten Fassung von WRONGDOERS, eine Climate Fiction-Endzeitballade. Ich hoffe, dass das Buch Ende 2026 oder Anfang 2027 veröffentlicht werden kann, und sich auch ein Verlag dafür finden wird. So oder so wird es veröffentlicht werden. Ich liebe die Idee, es hilft mir große Ängste zu verarbeiten.
Außerdem habe ich im Frühjahr zusammen mit meiner Tochter, die gerade 6 Jahre alt geworden war, ein kleines Projekt gestartet. Sie war zwei Wochen im Krankenhaus, und wenn ich mich mit meiner Frau abwechselte und nachmittags für die Nacht kam, hatte ich ein Kapitel dabei. Ihre Anmerkungen habe ich dann einfließen lassen. Hier ist ein Kinderbuch im Entstehen, das allerdings noch sehr im Anfangsstadium steckt.
Musik ist das zentrale Element des Buches – 2 Fragen:
1. Was macht für dich ganz persönliche gute Musik aus?
Emotion und Intensität. Ich bin auf kein Genre festgelegt, habe fast überall Künstler*innen, die ich liebe, sei es im Hardcore-Punk, Metal, Crust, Grind, Jazz, Folk, Indie, IDM, Post Punk, Gothrock etc.pp. Gerade deshalb sind meine Lieblingskünstler*innen diejenigen, die viel ausprobieren und sich nicht limitieren, dabei aber eine ganz eigene musikalische Sprache sprechen, die sich unabhängig vom Stil sofort heraushören lässt. Meine beiden Lieblingsbands sind Blut aus Nord und Ulver. Aber generell gilt: Es muss mich irgendwie packen. Das ist das schöne an Musik, oder jeder anderen Kunstform: Wenn sie aus dem Herzen kommt, springt sie auf Empfänger über.
2. Was sollte Sinn und Zweck von Musik sein? Was soll sie bewirken?
Das ist sehr individuell. Für mich war Musik seit frühester Kindheit ein Tor in eine andere Welt, Flucht und Inspiration, ein erweitern des eigenen Blickfeldes und Lebens, ein Ort zur Reflexion und um Raum zu haben für Emotionen. Das hat für mich etwas durch und durch Spirituelles. Sie verbindet Menschen, die möglicherweise davon abgesehen gar nichts miteinander zu tun haben. Das hat etwas sehr Archetypisches, und danach sehne ich mich. Die meisten Menschen, die ich kenne, sehen Musik als Unterhaltungsform. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Und manchmal beneide ich Menschen, die einfach eine gute Zeit zu Musik haben, und nicht alles kaputtanalysieren oder nach dem tieferen Sinn graben müssen.
Ein ganz herzliches Dankeschön Christoph für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplars und des tollen Interviews. Ich wünsche dir viel Erfolg und freue mich schon auf deinen zweiten Roman, den ich mir, sobald er erhältlich ist, sicher besorgen werde.
Ebenfalls ein ganz grosses Danke an meinen Nerdigel-Schatz Nerderlei aka Artist2be42 für das drüberschauen und die wertvolle konstruktive Kritik.