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Gezeichnete Katze mit einseitigen Audio-Cideo-Headset

Ein verdammt friedlicher Ort 

Was für ein friedlicher Ort. Und ausgerechnet hier bahnt sich eine grosse Katastrophe an. Zum Glück gibt es Leute, die sich darum kümmern – Auf gewisse Weise.

Staudamm im Morgenlicht. Screenshot aus dem Spiel Cyberpunk 2077«So einen verdammt friedlichen Ort findet man in ganz Night City nicht» sagt Francis Dillinger, seines Zeichens seit 12 Jahren Manager bei Petrochem, Abteilung Internal Maintainance And Prevention (IMAP). «Ich mag Night City, ich liebe diese verdammte Stadt, aber wenn ich Ruhe will, dann gibt’s nichts Besseres als ein Ausflug hierher. Nicht wahr Mr. Peterson?»

Der angesprochene Peterson arbeitet seit 2 Jahren in der IMAP und fühlte sich sichtlich unwohl auf dem Damm des Stausees von Night City. Selbst wenn es nicht 5 Uhr morgens gewesen wäre, bevorzugt er doch ein klimatisiertes Büro und funktionierende Kommunikationsmittel, statt seine Unterlagen altmodisch auf einem Cyberdeck und Splitter mitzuführen. Und selbst wenn der spiegelglatte See friedlich die Morgensonne abbildete, so wusste Peterson genau, dass er auf eine auf einer sinnbildlichen Zeitbombe stand. Aber als kleines Rädchen im System, konnte er natürlich nur eine Antwort geben: «Ja, Mr. Dillinger.»

Dillinger gab seinen beiden Assistenten, in Wahrheit schlecht getarnte, hochaufgerüstete Leibwächter, ein Zeichen, worauf sich diese ein paar Meter ausser Hörweite entfernten. Ausser den vieren war um die Uhrzeit niemand auf dem Damm. «Dann schiessen sie mal los, Peterson, worum geht es»?

«Sir, Mr. Dillinger, ich habe die neusten Berichte über den Damm und den See eingesehen, und ich habe sie mit den Rohdaten verglichen», begann Peterson seine Erklärung. Eine hochgezogene Augenbraue von Dillinger forderte ihn zum weiterreden auf. «Die Analysesoftware scheint einen Fehler zu haben und die Rohdaten nicht richtig zu interpretieren. Möglicherweise wurde sie auch von jemandem verändert um gewisse Unregelmässigkeiten zu unterdrücken. Nun, Sir, auf jeden Fall haben wir ein grosses Problem»!

Dillinger lehnte sich auf die Brüstung des Geländers und starrte versonnen auf den ruhigen See. «Ein Problem, Peterson?» fragte er ruhig. Dillinger war bekannt dafür, immer ruhig zu bleiben.

«Ja Sir. Algen. Wir haben schwefelsäureproduzierende Algen gefunden, welche sich vom  Beton des Staudamms ernähren. Sie, nun ja, lösen das Baumaterial auf und machen es porös. Die Bausubstanz wird geschädigt. Um genau zu sein ist ab einer Tiefe von 3 Metern mit einer reduzierten Bel…»

«Die Details können Sie mir später erklären. Sicher haben sie das gründlich evaluiert, Peterson, ich vertraue ihnen da. Mich interessiert aber nicht das Problem, sondern Lösungen und Fakten. Was bedeutet es? Was machen wir? Was kostet es? Wie lange dauert es?» unterbricht Dillinger.

«Nun Sir, wir haben noch Zeit, das ist die Gute Nachricht. Meinen Anaysen zur Folge wird der Damm in 6-7 Jahren zusammenbrechen, wenn wir nichts dagegen machen. Die gute Nachricht ist, dass wir die Oberfläche des Dammes behandeln und schützen können. Das wird nicht ganz billig, aber je länger wir warten, desto teurer wird es.» Peterson wird nervös, denn er weiss, dass er jetzt zum heikelsten Punkt kommen wird, ist aber trotzdem erleichtert, dass er seine Analysen endlich jemandem vorlegen kann und ernstgenommen wird.

«Wieviel?» fragt Dillinger emotionslos.

«Nun, Sir, wir müssen den See trocken legen für mindestens ein halbes Jahr, die Arbeiten und die Verdienstausfälle zusammengerechnet… um die 150 Millionen, vielleicht etwas mehr. Massiv mehr, je länger wir warten».

«Und wenn wir nichts tun?» fragt Dillinger rhetorisch.

Peterson schluckt unbehaglich. «Dann, Mr. Dillinger, wird in 6-7 Jahren der Damm zusammenbrechen und eine Katastrophe anrichten.»

«Wissen Sie, Peterson, in 5 Jahren geh ich in Pension» sagt Dillinger und wirft einen Blick zu seinen Assistenten um dann wieder auf den Horizont und See vor ihm. Er merkt, dass Peterson irritiert über den scheinbaren Themenwechsel ist. Ein reissendes, irgendwie nasses Geräusch ertönt, ein abrupt unterbrochenes Keuchen und gleich darauf ein Platschen im Wasser.

«So einen verdammt friedlichen Ort findet man in ganz Night City nicht!» sagt Francis Dillinger und winkt seinen Assistenten zu, welche die kreisförmigen Wellen im See unter ihnen beobachten und ihre Monodrahtimplantate wieder einfahren. Er seufzt. «Gehen wir!»

Zu dritt fahren sie nach Night City und lassen den menschenleeren Staudamm hinter sich zurück.

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